Ein Kapitel geht zu Ende. Es ist das Kapitel Manipal. Die letzten Worte werden geschrieben, der Punkt, der den Abschnitt endgültig beendet, kommt bedrohlich nah. Zeit für ein Fazit in Zahlen:
Bewohnte Hotelzimmer: 2
Verwüstete Hotelzimmer: 0
Diskotheken im Hotel: 2 (plus jeweils ein Billiardschuppen)
Belegte Kurse an der Uni: 3
Besuche im Krankenhaus: 4
Auf dem Trittbrett der Busse mitgefahren: 6 Mal
Auf die Frage woher man kommt mit „Estland“ geantwortet: etwa 22 Mal
Inder, die mit Estland nichts anfangen konnten: 19
Bollywoodfilme gesehen: 7
Fotos mit wildfremden Indern gemacht, weil sie danach gefragt haben: etwa 8 Mal
Geschossene Fotos: 2606
Gespräche, in denen nach Hitler gefragt wurde: unter 8
Gestohlene Schuhpaare: 1
Hindi-Sprachkursstunden: 30
Kricketregeln verstanden: etwa 40 Prozent
Spirituelle Erfahrungen: 1,5
Streifen, die auf Papier geklebt wurden: über 100, gefühlte 5000
Vom Elefanten gesegnet werden: 1 Mal
Gerittene Wellen: 4
Gerittene Kühe: 0
Mit Flip-Flops in Kuhmist getreten: 2 Mal
Insektenstiche: nicht mehr zählbar
Morgen wird ein neues Kapitel geschrieben. Dann geht die Reise für ein paar Tage in den Süden. Von da aus werden wir in den Norden aufbrechen, um zwischen Taj Mahal und Ganges neue Abenteuer zu erleben. Das Buch ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Nachtrag: Gleichzeitg heißt das, dass es im Reisetagebuch etwas stiller wird, Internet wird es nur noch temporär geben. Trotzdem werde ich dann und wann einen Zwischenbericht geben. Außerdem bin ich über meine Handynummer und E-Mail auch erreichbar.
Ein Thema wurde in diesem Blog bis dato etwas stiefmütterlich behandelt: Bollywood. Einen genaue Abriss, was Bollywood ist, werde ich mir sparen, das können anderebesser erklären. Was nun folgt ist noch ein kleiner Nachtrag meiner Mumbai-Reise, inklusive Bollywood-Erfahrung.
Action, Abenteuer, schöne Frauen – mein Besuch in Mumbai hatte alles, zumindest auf der Leinwand. Aufgrund akuten Unwohlseins haben S., seine Freundin (von der keiner etwas wissen darf) und ich uns in ein unerträglich tiefgekühltes Kino geflüchtet, um der noch schlimmeren Hitze in der Großstadt zu entfliehen. Auch der Film versprach Abkühlung. Blue – der teuerste Film den Bollywood je hervorgebracht hat und bestimmt nicht der beste.
Die Handlung ist schnell erzählt (obwohl die Dialoge in Hindi waren): Inder 1 fährt Straßenrennen in Thailand, gerät in kriminelle Machenschaften und schuldet schließlich einem gefährlichen Gangsterboss eine Stange Geld. Doch er kann sich auf die Bahamas absetzen, wo sein Bruder (Inder 2) bei Inder 3 in einer Art Firma arbeitet, die irgendwas mit Fischen und Booten macht. Die ganze Geschichte umgibt die sagenumwobene Lady in Blue, ein britisches Schiff, dass zur Zeit der indischen Unabhängigkeit aus Indien gestohlene Schätze zurück in ihre Heimat bringen sollte. Das Schiff ist jedoch vor den Bahamas gesunken. Es kommt, wie es kommen muss. Der Gangsterboss kommt mit seinen finsteren Schergen auf die Bahamas und nimmt die Frau von Inder 2 gefangen und will im Austausch sein Geld haben. Inder 1, 2 und 3 beschließen nach der Lady in Blue zu tauchen, um so genügend Geld aufzutreiben. In das ganze mischt sich dann noch eine tragische Familiengeschichte.
In Endeffekt geht es aber darum, dass möglichst viele Explosionen, ein Gastauftritt von Kylie Minogue und spärlich bekleidete Frauen gezeigt werden. Unterbrochen wird das ganze nur von Szenen, in denen Inder 1, 2 und 3 mit viel Pathos in bedeutungsschwangerer Haltung nachdenklich in maritimer Umgebung posieren.
Ein anderer Film ist Kambakkht Ishq. Auch er ist mehr Holly- als Bollywood, was schon damit anfängt, dass Sylvester Stallone und Denise Richards Gastauftritte haben. Ansonsten ist die Handlung aber relativ platt und setzt vor allem auf sehr viel Klamauk. Dafür ist die Musik grandios…
Ich habe einen neuen Freund. Das ist nicht schwer, denn Indien ist voll von potenziellen neuen Freunden. Geschätzt sind es etwa 1,2 Milliarden. Aber trotzdem ist die Beziehung zu meinem neuen Kumpel etwas Besonderes, sie ist speziell. Er heißt Hans. Hans und ich sind uns sehr ähnlich: unauffällig, verdammt cool und wir können beide stundenlang irgendwo abhängen, ohne etwas zu tun. Und unsere Beziehung verbindet noch viel mehr – wir teilen uns ein Badezimmer. Angefangen hat alles nach meinem Einzug. Ohne etwas zu ahnen betrat ich den Spa-Bereich meiner bescheidenen Herberge und auf einmal war er da. Regungslos saß er an der Wand. Etwa zehn Zentimeter lang, fleischfarben, üppiger Schwanz. Auch als ich den Wasserhahn aufdrehte, bewegte er sich nicht. Dieses Spielchen hat sich seitdem sehr oft wiederholt und unsere Beziehung nutzt beiden Seiten: Er hält mein Badezimmer frei von Mücken und anderen Insekten, im Gegenzug darf er sich bei mir den Bauch voll schlagen. Hin und wieder spielen wir auch miteinander oder er versucht mich zu erschrecken. Dann kommt er blitzschnell aus der Ritze zwischen Wand und Spiegel hervorgeschossen, während ich mir schlaftrunken die Zähne putze. Als kleine Rache habe ich ihn auf dem Flur ausgesetzt, als ich ihn eines Morgens in meinem Wascheimer gefunden habe – hilflos und nicht in der Lage wieder heraus zu klettern. Aber Hans versteht Spaß. Er ist ein wahrer Kumpeltyp. Nur eine Sache stört: Hans ist noch nicht ganz stubenrein. Zwar hat er hin und wieder direkt ins Klo getroffen (ein Grund den Klodeckel oben zu lassen), der Großteil ist jedoch im Waschbecken oder auf den Fliesen gelandet. Aber was soll’s? Niemand ist perfekt.
Folgender Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Fotojournalismus und ist ein Fotoessay mit dem Überthema The Workers.
Das Öl spritzt, das Flammen schlagen aus der Pfanne, der Raum ist mit einer unerträglichen Hitze gefüllt. Die Küche des Parota Point läuft auf Hochtouren. Küchen wie diese gibt es in ganz Indien und jede erzählt eine besondere Geschichte. Diese handelt von harter Arbeit, ehrlichen Menschen und viel Schweiß.
Ich begebe mich auf die Reise nach Mumbai. 16 Stunden Zug, 16 Stunden etwas zu erleben. Was folgt ist die Chronik einer Zugfahrt.
21.10 Uhr: Ich sitze im Zug. Im Abteil neben mir spielen junge Inder in Lungis Karten. Nur einer der Reisenden spielt nicht mit. Er sitzt auf dem obersten der drei Betten und singt ein Lied. Es hört sich so an, als sei es eine alte indische Volksweise. Wovon sie handelt? Ich weiß es nicht, stelle mir aber vor, dass es um das harte Leben auf dem Land, Frauen oder um ein Trinkgelage mit alten Freunden geht.
21.30 Uhr: In meinem Abteil sitzt ein alter Mann, die Haut ist dunkel, die wenigen Haare sind schneeweiß. Aus einer Plastiktüte holt er ein zusammengefaltetes Bananenblatt. Darin befindet sich Reis, den er mit der Hand zu kleinen Bällchen formt und ihn sich in den Mund schiebt.
21.43 Uhr: Shivam sucht den Schaffner. Wir haben die Fahrkarten nicht zusammen gebucht, deswegen ist meine Pritsche eigentlich in einem anderen Waggon. Wir hoffen, dass in Shivams Abteil noch ein Platz frei ist, den ich nehmen kann. Der alte Mann hat mittlerweile sein Abendessen beendet. Jetzt schüttet er aus einer gift-grünen Plastikflasche eine gelb-goldene Flüssigkeit in einen verschließbaren Plastikbecher. Es sieht aus wie eine Urinprobe – ich gehe davon aus, dass es Apfelsaft ist.
Nachtzug nach Mumbai
22.05 Uhr: Der Schaffner war da und hat S. (der mittlerweile wieder zurück gekommen ist) und mir gesagt, kein in diesem Abteil eigentlich kein Platz mehr frei sei. Trotzdem bleiben wir hier, denn das Bett über S. Liege ist noch frei. Der Mann, der den Platz gebucht hat, soll er in Goa zusteigen. Der alte Mann gießt sich eine klare Flüssigkeit aus einem weißen Plastikkanister (10 Liter, Schraubverschluss) in seinen Becher. Währenddessen sehe ich, wie Nussschalen von dem Fahrtwind über den Boden gepustet werden.
22.35 Uhr: Nachdem S. und ich kurz Belanglosigkeiten ausgetauscht haben, klettere ich auf meine Pritsche. Sie ist etwas zu kurz, meine Reisetasche nehme ich als Kopfkissen. Nur noch drei Stunden bis Goa – dann sehen wir weiter. Der alte Mann schläft mittlerweile.
23.35 Uhr: Ich wache auf, weil der Zug mit einem lauten Quietschen bremst und in irgendeinen Bahnhof einfährt. Köpfüber schaue ich auf die Liege unter mir: S. ist wach und hat ein Buch in der Hand, doch er liest nicht. Stattdessen starrt er aus dem hellblau vergitterten Zugfenster. „Ich vermisse die Norweger“, sagt er. „Ihre Namen werden anders geschrieben, als sie ausgesprochen werden.“
1.48 Uhr: Ein immer lauter werdendes Klappern und eine unerträglich Hitze lassen mich endgültig erwachen. Der Deckenventilator kämpft gegen Windmühlen. Wir sind in Goa.
Bahnhof
1.57 Uhr: Wir stehen noch immer in Goa. Der Gestank der Zugtoiletten ist unerträglich geworden. Es soll weiter gehen und der Fahrtwind neue Luft in den Waggon pusten.
2.28 Uhr: Während Gregorius in Lissabon den Schlaft sucht, fallen bei mir die Augen wieder zu. Mein Nachtzug nach Mumbai erzählt mit eine Gute-Nacht-Geschichte. Es ist die Geschichte einer indischen Eisenbahn.
5.14 Uhr: Ich werde wach. Menschen, die „Coffee, Coffee“ und „Chai, Chai“ rufen, laufen durch den Zug. Der Mann aus Goa ist nicht aufgetaucht.
6.00 Uhr: S. weckt mich. „Frohes Diwali“, ruft er mir entgegen. „Komm runter, wir wollen sitzen.“ Wollen wir nicht, aber ich klettere trotzdem von meiner Liege. Auch die anderen Fahrgäste erwachen langsam. Der Alte schläft noch.
7.02 Uhr: Frühstück bei Chai und Keksen. Der Tee ist süß, die Kekse auch. Die Angestellten der indischen Bahn verteilen derweil richtiges Frühstück an die anderen Reisenden. Wir wollen nichts.
7.30 Uhr: Die Sonne ist mittlerweile ganz aufgegangen und ich beschließe, nochmal die Augen zu schließen. Ich steige nach oben und lege den Kopf auf meine Reisetasche.
11.30 Uhr: S. weckt mich erneut. Nicht mehr lange und wir sind da. Im Zug herrscht reger Betrieb. Viele Leute wollen viele Sachen verkaufen: Videos, Essen, Spielzeug.
13.05 Uhr: Unser Zug rollt in den Bahnhof Panvel ein. 16 Stunden Zugfahrt liegen hinter mir, der Moloch Mumbai vor mir.
Wie fast überall auf der Welt wird auch in Indien die Kleidung als Ausdruck der eigenen Individualität genutzt. Das kann manchmal aber fragwürdige Wege nehmen und endet dann in T-Shirts mit Sprüchen. Warum das gerade in Indien so ist, weiß ich nicht. Es könnte vielleicht daran liegen, dass H&M zwar in Indien produziert, aber nicht verkauft.
Hier nun ein kleiner Einblick in die indischen Schränke:
I don’t need attention!
I don’t care about beeing famous
Not all men are stupid, some remain bachelors
I am what I am
Religion is a fairy tale
I love the way I live
Some people are only alive because it is against the law to kill them.
Nur langsam kommen wir voran. Kleine Schritte, jeder ist durchdacht. Ich kämpfe mich durch hüfthohes Gras, über Steine, umgekippte Baumstämme und durch kleine Rinnsale. Ein falscher Schritt und die Folgen könnten fatal sein: Der Weg ist selten breiter als 30 Zentimeter, der Abhang neben mir oft tiefer als 30 Meter. Obwohl mich das Blätterdach der Bäume schützt, ist die Hitze zu spüren. Die Luftfeuchtigkeit nagt langsam aber stetig an meiner Konzentration und Kraft. Der Schweiß tropft nicht nur von der Stirn, er tropft von überall, von wo Schweiß tropfen kann. Das schrille Singen der Vögel hört sich an, wie das Lachen boshafter Harlekine, die sich irgendwo in dieser grünen Hölle verstecken. Es ist ständiger Begleiter.
Rote Kappe, Hemd, Kordhose und Gummistiefel – eigentlich keine Wanderausrüstung, aber geschickt wie eine Gämse tänzelt Nayan den Berg hinauf. Eine Leichtigkeit, wie sie sonst nur ein edles Pferd im Galopp versprüht. Mein Blick ist auf Nayans Hufe gerichtet. Die Fersen seiner schwarzen Gummistiefel sind mein Kompass, der mir die Richtung weist. Schritt für Schritt, immer auf der Suche nach dem sicheren Tritt. Nur selten wage ich es meinen Blick von den Hacken zu lösen, die über Stolpern oder Stehenbleiben entscheiden. Doch das kleine Risiko lohnt sich. So langsam wir uns auch fortbewegen, so größer wird die Euphorie. Zwischen den Baumstämmen des indischen Urwaldes zeigt sich, was uns am ersten Zwischenhalt unserer Wanderung erwartet.
There will be blood
Doch bevor wir so weit sind, hat uns der Dschungel neue Steine in den Weg gelegt: Hirudinea. Auf einer Lichtung hält Nayan an: „Check for leeches.“ Blutegel. Ein erster Blick runter zu meinen Füßen – alles sieht normal aus. Der zweite Blick fällt genauer aus: Unzählige, kleine lange Tiere an meinen Socken, zwei haben sich an meinem Bein fest gesaugt. Sichtlich überfordert stehe ich da. Im indischen Dschungel. Die Hosenbeine hoch gekrempelt. Nayan kommt zu mir. Ohne ein Wort nimmt er die Tiere zwischen die Finger, reißt sie ab und wirft sie auf den Boden. Während ich noch überrascht über diese Lösung bin, schlägt Nayan mit seinem Buschmesser die Egel in zwei Hälften.
Der Treck geht weiter. Die Socken sind extra hoch gezogen. Vorbei an bunten Schnecken, wildem Kardamom und unberührter Natur erreichen wir den Bergrücken: 1600 Meter über dem Meeresspiegel und eine gefühlte Unendlichkeit entfernt von Verkehr, Lärm und den Sorgen dieser Welt. Während ich in die nicht enden wollende Weite dieser grünen Traumlandschaft gucke, laufen mir einige Tränen die Wangen herunter – Schweiß ist in mein Auge getropft. Doch das ist schnell vergessen, zu schön ist der Ausblick. Wir sind angekommen im Schottland Indiens: Berge mit saftigen Wiesen, auf denen die Rinder grasen, mildes Klima. Vor mir liegen Täler mit einem grünen Dickicht aus Bäumen. Zusammen mit den Bergen bilden sie eine Einheit, so alt wie die Zeit, so friedlich, wie es ein Mensch wohl nie sein kann.
Großstadtcowboys
Irgendwann geht es weiter. Abwärts. Zurück in die grüne Hölle. Immer Nayans schwarzen Gummistiefeln hinterher. Wir passieren Rinderherden, kleine Häuser mitten im Wald und Frauen in Beeten. Nayan kennt sie alle. Er spricht mit ihnen, lacht mit ihnen, hört ihnen zu. Es sind einfache und ehrliche Menschen.
Die Sonne brennt und die Mittagshitze macht jeden Schritt schwer. Mittlerweile habe ich den Punkt erreicht, an dem ich nur noch gehe, nicht mehr viel denke. Unser Weg führt uns vorbei an Kaffeesträuchern. Noch grün hängen die Früchte an der Pflanze. Erst wenn sie rot sind, werden sie geerntet. Wir erreichen einen kleinen Fluss, an dem wir Halt machen. Eine Brücke gibt es nicht, und Nayans Versuch, große Steine so zu legen, dass wir über sie ans andere Ufer kommen, schlägt auch fehl. Mit Angst vor Blutegeln ziehen wir Schuhe und Socken aus. Eine erfrischende Kühle umgarnt meine Füße als ich den Fluss betrete, um an das gegenüberliegende Ufer zu kommen. Nur ein kurzer Moment um das Plätschern des Wasser zu genießen, dann sind Nayans Gummistiefel wieder unterwegs. Er spricht nicht viel, aber ist trotzdem herzlich. Für etwas Geld zeigt er Touristen seine Berge. Großstädtern und Möchtegernabenteurern. Nayan ist das egal. Schon fast etwas unbeeindruckt hält er den Treck an und zeigt in die Büsche: Eine Schlange. „Green snake“, sagt man mir. Wenig später das gleiche Spiel. Mitten auf dem Weg liegt sie da. Braun und regungslos. Erst als wir näher kommen flüchtet sie in die Böschung. Als wir auf gleicher Höhe sind, sehe ich nur noch, wie das Ende der Schlange im grünen Dickicht verschwindet. „Viper“, sagt Nayan. Die giftigste Schlange Indiens. Ich gehe weiter. Ziel ist die Zivilisation. Wilde Bäche werden zu Straßen, Schlangen zu Bussen und Blutegel zu Rikscha-Fahrern.
Wenn es in Indien nicht gerade regnet, scheint die Sonne. Das macht sie gerne und intensiv. Dementsprechend sind auch die Temperaturen – knackig warm trifft es sehr gut.
Heute war wieder einer dieser Tage. Mehr als 30 Grad haben mich dazu veranlasst, nach dem Aufstehen in eine kurze Hose zu schlüpfen. Um Irritationen zu vermeiden: kurze Hose heißt knielang. Nachmittags ging es in die Uni und die Hose war natürlich mit dabei. Ein Fehler, denn laut MIC-Kleiderordnung, sind für Studenten lange Hosen angesagt. Das ist mir erst eingefallen, als ich auf dem Weg war, hat mich aber auch wenig gestört, da ich davon ausging, dass sich niemand beschwert. Falsch gedacht. Als ich nach dem Unterricht den Raum verließ, stand dort ein Dozent – das weiße Hemd fest in die dunkelblaue Buntfaltenhose gesteckt, die wenige Haare akkurat und streng über den Kopf gekämmt. „Mister, Mister“, ruft er mich. Ich trete zu ihm, doch er schaut mich nicht an. Sein Blick schweift über das Gelände des MIC, genauso, wie ein Gutsherr seine Ländereien betrachtet. Mit leiser Stimme sagt er dann: „Ich würde es vorziehen, wenn Sie in lange Hosen erscheinen.“
Langsam schaukeln wir unserem Ziel für das Wochenende entgegen: Kundapura. Eine kleine Stadt, etwa mehr als eine Stunde von Manipal entfernt. Der Bus bringt uns sicher ans Ziel. Die letzten Meter legen wir zu Fuß zurück; das Rauschen des Meeres wird zu unserem Kompass. Er hat uns den richtigen Weg gezeigt: Turtle Bay in Kundapura. Die Hütten liegen direkt am Meer, der Strand ist sauber und die Wellen wild – mehr brauchen wir nicht.
Indien ist ein großes Land mit verschiedenen Regionen. Alle haben ihre Eigenarten und Traditionen. Das MIC ist so etwas wie Klein-Indien. Studenten aus dem ganzen Land und noch von viel weiter weg kommen hier hin, um zu studieren. Um die Bräuche der Kommilitonen kennen zu lernen, gibt es den Ethnic Day. Jeder zieht eine Tracht an, die zu seiner Region/Religion/was auch immer passt und läuft damit einen Tag in der Uni rum. Auch wir haben mitgemacht. In Ermangelung von Lederhosen und Dirndln haben wir uns als Inder verkleidet: Die Mädchen haben sich in Saris gewickelt und ich hab mir eine Kurta übergeworfen. Das Ergebnis gibt es hier zu sehen:
Einige Inder sahen in ihren Gewändern so aus wie junge Maharaja oder Sektenführer. Meine Kurta war hingegen eher alltagstauglich, aber sie hat mir gereicht: Sie war leicht, luftig und die Inder haben sich über den Anblick gefreut. Ähnliches hätte für die Lederhose wahrscheinlich nicht zugetroffen.
Die Gewänder waren aber nur ein Teil des Tages. Nachmittags wurde wir alle mit einer Talentshow unterhalten – von traditionellen und modernen Tänzen bis hin zu Gesang war alles dabei. Im Vorfeld konnten wir uns relativ gut dagegen wehren, auch was typisch deutsches aufzuführen, während der Veranstaltung ist der Kelch dann aber nicht an uns vorbei gegangen. Irgendwann wurden die German Students vor das Publikum gerufen. Leider waren Jana und ich nicht schnell genug, um in der Masse unterzutauchen. Deswegen mussten wir mit ein paar anderen Studenten an „einem kleinen Spielchen“ teilnehmen, das sich als Modenschau herausstellte. Und es war genauso lustig, wie es sich anhört.
Letzter Programmpunkt war eine kleine Tanzeinlage, die letztendlich nur als Alibi diente, um das Publikum auf die Bühne zu holen und das ganze Programm in einer bollywoodähnlichen Massentanzszene enden zu lassen. Ich war mittendrin. Sozusagen als Japaner beim Schuhplattler.
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