Posted by christian on Oktober 28th 2009 to
Allgemein Turbulente Tage sind angebrochen. Kurz die letzte Woche bis jetzt zusammengefasst:
Mittwoch. Standup-Seminar-Thema „Phonetik und Sprechen“. War vor allem für die Schweizer Kommilitonen interessant. Ich betätigte mich gemeinsam mit Sonja aus Dortmund mehr als Hilfs-Lehrer und weniger als Student. Dazu später mehr.
Donnerstag bis Dienstagvormittag. Heimatbesuch mit insgesamt 18 Stunden Zugfahrt. Sachen packen, hinfahren, den Geburtstag der „kleinen“ Schwester feiern, viele Freunde, Bekannte und Kollegen besuchen, unter anderem das erste Mal im Jahr Grünkohl und Pinkel essen (Ja, ich weiß, eigentlich ist es noch zu früh), zurückfahren, ins Bett fallen und ausschlafen.
Rest-Dienstag. Die beiden Theorie-Seminare waren wie immer. Aufmerksam zwei halbstündigen Referaten lauschen, ein wenig diskutieren und sich auf den unbequemen Holzstühlen in der Hochschule Rückenschmerzen holen. Abends via Live-Ticker den Pokal-Abend verfolgen und sich von ZDF-Quotenlockenkopf Michael Steinbrecher die Überraschungen des Abends („VfL OOOOO“) verkünden lassen.
Mittwoch. Eine Kurzpräsentation von vier Minuten ungefährer Länge mit Hilfe von Powerpoint stand an. Thema: „Mein Lieblingsmedium“. Schnarch. Zehn pro Gruppe, für jeden eine. Nunja, das Feedback war, jedenfalls für mich, nicht der Brüller. Und ich weiß wegen vorangegangenen Feedbacks eigentlich mittlerweile auch genau, woran es bei mir hapert. Ich war bei vielen Präsentationen bisher zu schnell, zu unruhig, zu nervös oder zu zerstreut und vergaß manchmal die Hälfte. „Ha“, dachte ich mir, „ich bin ja schlau“. Ich mache mir also extra Stichwortzettel, damit ich ja nichts vergesse, achte auf sicheren Stand vor der Gruppe, atme tief durch, spreche deutlich und durchdacht. Und ich halte trotz der Versuchung, mich alle zwei Klicks auf der Funkmaus, die ich mir als Laptop-Fernbedienung zweckentfremdet hatte, zur Projektionsfläche hinter mir umzudrehen, um zu kontrollieren, was denn da nun steht, obwohl ich es genau weiß, den Augenkontakt zum Publikum.
Was war also das Ende vom Lied? Mein sicherer Stand war „zu“ sicher und unbeweglich, die Sprache „zu“ deutlich, zu gewählt und sachlich, zu wenig lebendig. Ich hatte mein „Lieblingsmedium“, die Lokalzeitung aus dem Raum Bremen, zwar dabei. Die kämpfte allerdings gegen die Stichwortzettel in der anderen Hand, und die Maus musste ich auch noch irgendwo unterbringen. Das Feedback fiel also zwar durchaus anders aus als die meisten Feedbacks vorher, aber war eben „nicht der Brüller“. Anders ist es kaum treffend formuliert.
Trost spendet mir nun die Fortsetzung des Pokalabends in diesen Minuten. Vorher möchte ich jedoch aus aktuellem Anlass noch etwas abhandeln. In der Heimat fragte man mich aus nach der Sprache der Schweizer: „Sprechen die wirklich so, wie man das immer so sagt?“ – Ich kann nur aus meiner mittlerweile knapp zweimonatigen Erfahrung sagen: Nein. Das „Schweizerdeutsch“, das Deutsche sich gerne als „die Sprache der Schweizer“ vorstellen, ist das, was dabei herauskommt, wenn Schweizer „Hochdeutsch“ sprechen. Quasi der Akzent der Schweizer. Die „echte“ Sprache, auch Mundart genannt, versteht ein ungeübter Deutscher nur mit viel Mühe bis überhaupt nicht. Ich gewöhne mich langsam dran. Als wir jedoch am 2. September zum Beispiel bei der Stadtverwaltung waren und unsere Ausländerausweise beantragten, war ich doch etwas verwirrt bis beunruhigt ob des Unverständnisses meinerseits über den Satz der Verwaltungsangestellten (Achtung „Lautschrift“: CH für hartes „schweizer“ ch, o für dunkles a): „CHonni desch CHlai innzia?“ – Nach zweimaligem Nachfragen erfuhr ich dann, dass sie die 85 Franken für den Ausweis sofort einzutreiben gedachte: „Kann ich das gleich einziehen?“ Ahaaaa!
Die Frage meines Interviewpartners Andreas Heer habe ich nicht mehr wortwörtlich parat, aber ich musste dreimal nachfragen, bis er mich schließlich auf Hochdeutsch fragte, ob er mit mir Hochdeutsch sprechen solle. Ich Depp.
Dann gibt es Floskeln wie „Schood, büsch nööd CHo!“ – Diese eher eigentümliche Syntax („Schade, bist du nicht gekommen!“) ersetzt den hochdeutschen Satz des Bedauerns: „Schade, dass du nicht hier warst!“ Würden Schweizerdeutsche den erstgenannten Satz ins Hochdeutsche übersetzen, sähe er so aus: „Schade, dass du nicht hier gewesen bist!“ (Was überkorrekt wäre und niemand so sprechen würde), und wenn sie ihn so überkorrekt aussprächen, klänge er so („Lautschrift“ wie oben, r als R vorne an der Zungenspitze gerollt): „Schod, doss du niCHt hieR g´wese bischt!“ – Was genau der Akzent wäre, den sich Deutsche unter der Schweizer Sprache vorstellen. Die Sprachmelodie, die sich zusätzlich noch einmal komplett von der hochdeutschen unterscheidet, habe ich hier der Einfachheit halber hier mal weggelassen. Zumal man diese eh nicht gut schreiben kann.
Warum tippe ich das alle mühselig in den PC? Nicht falsch verstehen: Das soll kein Lustigmachen über die Schweizer Mundart oder den Akzent sein, oder eine Erklärung, warum die Schweizer „komisch“ sprechen. Ich beziehe mich damit auf meine oben genannte Tätigkeit als Hilfs-Lehrer. In Zweiergruppen sollten wir uns letzten Mittwoch gegenseitig Textpassagen vorlesen und das endete darin, dass meine Partnerin Maria sich schließlich für die ganze Übungszeit den Text schnappte und ganz begierig war, meine Korrekturen zu erfahren. In der Pause war dann zwar alles wieder vergessen, aber vielleicht hat es ja doch etwas gebracht. Ich hoffe es. Jedenfalls fühlte ich mich doch ein wenig geschmeichelt.
Andererseits, wie heute wiederum in der Pause von Standup-Kommilitonin Lea eher beiläufig erwähnt, hören die Schweizer eigentlich Deutsche gar nicht so gerne Deutsch sprechen. Und zwar aus folgendem Grund: Die Tatsache, dass die Schweizer nicht gut Hochdeutsch artikulieren können, verleitet sie dazu, Hochdeutsch als eine Art Fremdsprache zu sehen. Fremdsprachen, so die weitläufige Meinung, muss man ja nicht in aller Perfektion beherrschen. Und so sprechen sie weiter gerne und viel Mundart. (Nicht nur die jungen Leute übrigens, sondern sogar Grundschullehrer, was dazu führt, dass die jungen Schweizer überhaupt nicht mehr richtig Hochdeutsch lernen können.) Und sie gewöhnen sich mehr und mehr an ihre Mundart. Was sie noch schlechter Hochdeutsch sprechen lässt. Ein Teufelskreis.
Und „die Deutschen“ nebenan können das. Hochdeutsch sprechen. Ganz einfach und mühelos. (Die meisten jedenfalls.) Was sie etwas ansäuert.
Wie auch immer. Also, das Verstehen der Mundart ist schon schwierig. Sprechen aber noch mehr: Das Einzige, was ich bisher fehlerfrei hinbekomme, ohne gleich als Ausländer schief angeguckt zu werden, ist im Supermarkt etwas einkaufen zu gehen. Denn man braucht nur drei bis vier Worte. „Grüezi“, „MeRci“ (wahlweise: „DonkCHeschön“) und „Ade“. Ich kann also genau das, was jeder, der eine Fremdsprache wie Englisch, Spanisch, Französisch oder Italienisch lernt, als erstes kann: „Hallo, Danke, Wiedersehen.“
So viel zur Verständigung. Genug für heute, Werders Pokalspiel hat schon angefangen. Auf in weitere Tage voller Turbulenzen in Form von Interviews-Abtippen und -Redigieren, Für-Referate-Recherchieren, Für-Praxis-eine-Story-zusammen-Basteln und dem Verfassen weiterer Blogeinträge.
Ich habe da schon ein paar Geschichten im Kopf, die ich hier bestimmt gut verarbeiten könnte, weiß aber noch nicht, wann sich diese realisieren lassen, weil ich erst mal da gewesen sein muss, was momentan kaum möglich ist.
Nun zunächst: „Ade, DonkCHeschön!“