Clowns ohne rote Nasen
November 19th, 2009 | Veröffentlicht in Features

Manege frei! Ein Zirkus macht Halt in Bremen. Doch irgendetwas stimmt da nicht.
Hinter dem Namen verbergen sich keine Clowns mit weißgepuderten Gesichtern, keine mit Hosenträgern, riesen Schuhen und roten Nasen. Es stehen stattdessen neun fein gekleidete Männer auf der Bühne, jeder mit einem Instrument ausgestattet. Zusammen ergibt das Babylon Circus. Und dieser Zirkus hat es in sich. Ska, Reggae, Punk, Dub, Chanson, Jazz – da war für jeden Geschmack etwas dabei. „La belle étoile“ für die Zirkusbesucher im Bremer Schlachthof.
Eigentlich sind Babylon Circus zu zehnt unterwegs, doch der zweite Saxophonist war nicht aufzufinden. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: die neun waren eine Musik machende Armada, die das Trommelfell der Anwesenden durchdringen wollte.
Jeder Musiker trat beim ersten Lied „Viens poupoule“ einzeln auf die Bühne, bis das Zusammenspiel einen tanzreifen Song ergab. Die Stimmung war von Anfang an sehr ausgelassen. Das tanzwütige Publikum brauchte kein Warm-Up, ebenso wie die Band selbst. Neun Clowns und ein ziemlich voller Schlachthof feierten eine gute Party, feuchtfröhlich und dem Tatort trotzend.
David Baruchel, Sänger der Band, entzückte das Publikum mit seinem sicheren Deutsch – bei Franzosen ein echtes Highlight. Untermalt von der pantomimischen Mimik des zweiten Vokalartisen Manuel Nectoux und der restlichen Kasper auf der Bühne, kam der Zirkus so richtig in Fahrt. Mesdemoiselles wurden zum Tanz auf der Bühne gebeten, Chöre mit dem Publikum einstudiert und dann imposant zum Besten gegeben. „La Cigarette“ entwickelte sich zum gnadenlosen Ohrwurm, zum Hit des Konzerts. Der babylonische Zirkus mischte fast zwei Stunden die Menge auf, brachte sie zum Schwitzen und beförderte sie in den Himmel der musikalischen Glückseligkeit. So soll es sein, so war’s erdacht.
Nach zwei Zugaben setzten die neun Clowns ohne rote Nase noch einen drauf. Nach frenetischem Jubel kamen sie ein drittes Mal raus und zeigten sich dem Publikum. Sie kamen nicht auf die Bühne zurück, sondern verfrachteten sich samt Sparversion ihrer Instrumente ins tanzfreudige Getümmel, vor die Bühne. Dort krönten sie mit einer Akustik-Version von „La Cigarette“ ihren Auftritt und sorgten einmal mehr für „Dai-Dai-Dai“-Ohrwürmer. Ohrwürmer, Tanzmusik, politische Texte, Lebensfreude und Clowns.
Da kann der Tatort einpacken. Mehr solcher Sonntage, bitte!
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