Wer schweigt, hat nichts zu sagen

November 18th, 2009  |  Veröffentlicht in bremisch

Studienproteste an der HS

Volle Stundenpläne, Creditpoints, Leistungsnachweise, Referate am laufenden Band, Masterplatz nur gegen gute Noten – das ist die Welt an deutschen Universitäten. Hört sich grauenvoll an – ist es auch. sludern-Mitarbeiter Pana war bei den Protesten an der Hochschule Bremen dabei.

Update: Das Aktionsplenum des AStA plant weitere Aktionen:

“Wir treffen uns nun täglich um 13Uhr zum Aktionsplenum am Mensaeingang am
Neustadtswall um gemeinsam Weiteres zu planen.
Um 13:15 findet in der Mensa ein Flashmob statt: starres Beibehalten
verfehlter bildungspolitscher Grundsätze führt zu erstarrten Studierenden!”

Ein Leben voller Stress und Leistungsdruck, ohne Selbstverwirklichung, ohne Lernen.
Lernen fürs Leben, nicht für Noten und Abschlüsse. Genau das vermissen die Studierenden heutzutage. Und deshalb gehen sie auf die Straße. Oder eben nicht, wie in Bremen.
Da finden sich höchstens 20 ihrer Gattung an der Hochschule ein, um auf eine graue Wand voller desinteressierter Kommilitonen zu stoßen. 20 von fast 8000 – Wow!

Aber immer noch besser als die Uni. Die hat so ziemlich nichts auf die Beine gestellt. Kein Aufruf, keine Kundgebung, kein Protest. Lediglich ein magerer Aufruf, das Schulstreikbündnis bei ihrem bevorstehenden Bildungsstreik zu unterstützen. Bei der Gelegenheit kann man sich natürlich auch solidarisch mit den Besetzungen in Wien und in den zahlreichen anderen deutschen Städten zeigen.

Nur leider endete dies in einer Farce. Laternenumzug für bessere Bildung. Bei allem Respekt: Das sollte nicht der Anspruch der Studierenden hier in Bremen sein; und ist mit Sicherheit nicht das Mittel, um auf die Mißstände in den Universitäten und Hochschulen aufmerksam zu machen. Woran liegt’s?
Warum hat Bremen keinen organisierten Motor, warum wird keine Initiative gezeigt, warum bleiben die Leute zu Hause oder in den Hörsälen, wenn es sie etwas angeht?

Es scheint, als fehle die Lust, die Motivation. Der Wille, etwas anzuprangern und Veränderungen zu verlangen. Geht es den Studierenden hier vielleicht zu gut? Keine Studiengebühren und auch sonst findet sich jeder damit ab, dass Bachelor und Master die bestimmenden Wörter auf dem Campus sind und bleiben werden? In anderen Städten setzen sie sich für Veränderung im Bachelor-Mastersystem ein, dort solidarisieren sie sich mit anderen Studierenden – und in einem Bundesland wie Bremen kriegen es fast 30.000 Studierende nicht gebacken, auf die Straße zu gehen.

An der Hochschule haben gestern 20 Studierende Protestzettel aus den Fenstern geworfen, Transparente an der Außenfassade angehängt, und es wurde eine Kundgebung in der Mensa gehalten, die wie erwartet auf wenig Resonanz stieß. Später waren es dann nur noch acht, die die Straße immer mal wieder blockierten und mit Transparenten die Auto-, Straßenbahn-, Bus- und LKW-Fahrer zum Hupen animierten. Zur Erheiterung der Protestler, aber auch zum Unverständnis der genervten Autofahrer. Die Polizei wurde ihrer Rolle natürlich gerecht und verwies die Demonstranten auf den Bürgersteig. Gefährdeten sie weiter den Straßenverkehr, käme ein weiterer Einsatzwagen und die Demonstranten kämen aufs Präsidium. Die Ordnungshüter zeigten wenig Verständnis für das Anliegen der Protestler. Es reicht nicht, dass man mit so wenigen Leuten versucht, irgendwie auf sich und die Problematiken aufmerksam zu machen, der feine Herr und die feine Dame in schwarzer Lederjacke vermiesen es einem noch zusätzlich.

Nach dieser weiteren Demütigung, verging die Lust und die Motivation – nach zwei Stunden draußen im kalten Herbstwetter – und die Leute begaben sich ins Innere der Hochschule und sahen, wie tatsächlich noch ein vollbesetzter, blau-weißer Bulli an der Hochschule parkte.
Die mögliche akademische Gewalt müsse ja schon im Keim erstickt werden. Bremen, wie es lebt und leidet. Überhaupt ist die Demütigung des heutigen Tages schwer in Worte zu fassen. Nachdem bereits im Sommer durch den bundesweiten Bildungsstreik die Chance für Studierende in Bremen verpasst wurde, ein Zeichen zu setzen, wurde gestern verpasst, sich solidarisch mit den streikenden Studierenden in Deutschland (und weltweit) zu zeigen. Nörgeln, jammern und fluchen nützt nichts. Manchmal muss auf Vorlesungen verzichtet werden, um auf die Straße zu gehen.

Konsequenz heißt hier das Stichwort. Etwas aus Überzeugung tun, nicht nur aus Mitgefühl.
Wenn nicht jeder nur an seine Credits und Anwesenheitspflicht denken würde, wenn nicht jeder so egoistisch und teilnahmslos handeln würde, wenn nicht jeder nach Ausreden für seine Abwesenheit suchte: Dann wäre es zumindest ein Anfang. Oder die Voraussetzung für Veränderung.

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