Liebe ist kein Rock ’n Roll

Oktober 26th, 2009  |  Veröffentlicht in rockt wie Roland

Bosse Konzert
Wenn Erika ihren Kiosk aufmacht, die U-Bahnhöfe nach Pisse und Kaffee riechen, wenn Liebe leise ist, wenn der Sommer noch lang ist und jeder Tag ein Neuanfang, wenn Frankfurt Oder eine extrem hässliche Stadt ist – dann ist Bosse nicht weit.

Bosse, oder genauer gesagt Axel Bosse, Namensgeber und Sänger der Band, machte vorgestern Zwischenstopp in Bremen. Doch bevor Bosse ran sollten, durfte Naima Husseini dem meist jungen Publikum zeigen, was eine Musikerin alles auf die Beine äh Bühne stellen kann.
Mit ihrer dunklen, weichen Stimme verzauberte sie die von Regen und Kälte gebeutelten Konzertbesucher. Balsam für die Ohren und zugleich ein schöner Soundtrack zu dieser Jahreszeit.

Ihr Echo-Recorder sorgte bei ihren Liedern oft für verblüffte Gesichter im Publikum. Die einzelnen Sequenzen wie Klatschen, Gitarren Akkorde, Begleitgesang, Snaredrum-Schläge wurden nacheinander von ihr live aufgenommen und gleich darauf über die Boxen als eine Tonspur abgespielt – das sieht und hört man in dieser Art nicht oft, live und mit dieser Natürlichkeit schon gar nicht.

Universal ließ sich Naima Husseinis Einzigartigkeit natürlich nicht nehmen und meldete sich bei ihr. Es wird also noch einiges zu hören sein von ihr, spätestens wenn das erste Studioalbum (wohl Anfang nächsten Jahres) rauskommt.

Nach kurzem Umbau, der fast komplett von den Bandmitgliedern selbst organisiert wurde, ging es dann auch schon los. Axel Bosse und seine vier weiteren Kollegen betraten kurz nach 21 Uhr die Bühne und zeigten von Anfang an, dass sie Lust hatten, die schwüle Luft im Raum in ein Dampfbad zu verwandeln. Mit „Matrosen“, „Tanz mit mir“ und der Single „Liebe ist leise“ gaben sie gleich drei Lieder ihres aktuellen Albums „Taxi“ zum Besten. Es folgten „Die Irritierten“ und „Frankfurt Oder“ aus dem zweiten Album „Guten Morgen Spinner“. Es war also gleich zu Beginn ein gesunder Mix aus Altem und Neuem, schließlich wurde aus Taxi bis auf „Vereinfachen“ und „Die Kunst des Verlierens“ alles gespielt. Für das meist junge Publikum dürfte „Warum geht es mir so dreckig“ von Ton Steine Scherben das unbekannteste Lied gewesen sein, welches aber den ein oder älteren Revoluzzer im Saal an alte Zeiten und an eine geniale Band erinnerte.

Der charismatische Axel Bosse verstand es, das Publikum über den ganzen Abend mit einzubeziehen und auch in den ruhigeren Momenten nicht einschlafen zu lassen, sondern zum Träumen zu bringen. Gerade bei „Augen schließen“ kam so etwas wie Gänsehaut auf, als das Publikum brav den Kanon mimte, während die Musiker langsam wieder einstiegen und somit für ein schönes Finale sorgten. Hände hoch und singen, statt Hände in den Taschen. Tanzen statt nur mit dem Kopf nicken. Axel Bosses unkomplizierte Art weiß zu gefallen. Das Bad in der Masse darf ebenso wenig fehlen, wie der Tanz mit einer weiblichen Konzertbesucherin auf der Bühne. Diese Natürlichkeit und Lockerheit in hochgekrempelter Jeans und Chucks, gepaart mit Texten aus dem Leben, mit Melodien zum Träumen und Tanzen, machen Bosse langsam zu etwas Besonderem.

Liebe ist eben kein Rock ´n Roll, sondern leise. Und Axel Bosses schwarz-weiß kariertes Hemd ist so nassgeschwitzt, dass sein Effektgerät am Boden von den herunterfallenden Tropfen fast ertrinkt.
Nach dem Ton Steine Scherben Cover, „Keine Panik“ und „Gegen Murphy“, gab es noch eine zweite Zugabe nur mit Piano und Gesang. „Niemand vermisst uns“, davon mag im Lied zwar die Rede sein, aber nicht in Bremen. Bosse, ihr werdet vermisst!

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