“Das Glas ist immer halb voll”

August 29th, 2009  |  Veröffentlicht in ertüchtigend

Kiwi Werder

Recht ruhig geht es momentan hier zu, denn wie erwähnt ist die Redaktion geschlossen im Auslands- bzw. Praxissemester. So bleibt das Tagesgeschäft links liegen, aber die eine oder andere Geschichte werden wir natürlich veröffentlichen.
So wie in diesem Fall: Celina hat den Werder-Star Wynton Rufer in seiner Fußballschule in Auckland/Neuseeland besucht.

Südlich vom Stadtzentrum, nah an der Autobahn im Stadtteil Greenlane und
versteckt hinter einem Kaufhausparkplatz, liegt das Büro der Wynrs NZ Soccer School. An
dem kleinen, weißen Holzhaus sind die besten Jahre vorbeigezogen. Draußen löst sich die
Farbe vom Holz. Auch der Vorgarten hätte mal wieder eine Generalüberholung nötig. Auf der
kleinen Veranda, deren Dielen die Besucher mit jedem Schritt knarrend zum Eingang
geleiten, liegt ein Fußabtreter mit einem für Neuseeland völlig untypischen Logo: Es ist das
sehr abgenutzte und dreckige Logo des FC Bayern München.

Wer sich in der deutschen Bundesliga auskennt, könnte meinen, dass hier ein Werder Fan
seine Finger im Spiel hatte. Und wirklich: Hinter der Wynrs Soccer School in Auckland

verbirgt sich das Projekt von Werders ehemaligem Profispieler Wyton Alan Whai Rufer, der
Elfmeterlegende der Werderaner. Zusammen mit seinem Team betreut er seit mehr als zwölf
Jahren seine Wynrs Fußballschule in Auckland. Das kleine Haus stellte die Gemeinde zur
Verfügung. „ Wir sind eine wohltätige Stiftung und arbeiten mit vielen Sponsoren und Firmen
zusammen, die das Projekt unterstützen.“, sagt Rufer.

Das Schlitzohr des SV Werder Bremen

Dem SV Werder Bremen ist Wynton Rufer, der aufgrund seiner Herkunft den Spitznamen
Kiwi trug, auch nach seiner Profikarriere treu. Ihn verbindet mehr als nur eine kurze Liaison
mit Bremen. Er habe die besten Jahre seines Lebens dort verbracht, sagt der gebürtige
Neuseeländer, der einige seiner wichtigsten Tore gegen den FC Bayern München schoss. „Die
Fußmatte im Eingang hat damit aber nichts zutun“, sagt Rufer und lacht, „sie war nur ein
Werbegeschenk des Vereins.“
Der Neuseeländer galt schon immer als ein fairer Sportsmann. Während seiner Erfolge mit
Werder Bremen von 1989 bis 1995 wurde er als der „Saubermann“ der Mannschaft
bezeichnet. In über 174 Erstligaspielen verließ er den Platz meistens ohne eine Karte. „Ich
wusste halt, wie ich meine Gegenspieler austricksen kann“, sagt Rufer, „Man kann sagen, ich
war ein Schlitzohr auf dem Feld. Außerdem hatte ich eine gute Beziehung zu Otto, dass hat
mir manches mal geholfen, wenn ich auf dem Platz wieder ein Bandit war. Nur meine
Mitspieler, die wussten immer genau Bescheid, was ich wieder ausgefressen hatte.“
Wenn man den Torjäger der neunziger Jahre mit seiner markanten, schwarzen Hornbrille nach
seiner Zeit in Bremen und seinen schönsten Erinnerungen fragt, fängt er an, die Fangesänge
aus dem Stadion zu pfeifen. „Jedesmal wenn ich nach Bremen komme, möchte ich am liebsten
anfangen zu weinen“, so Rufer. „Ich erinnere mich gerne an diese sensationelle Stimmung im
Weserstadion und an die Fans, das hat einfach Spaß gemacht. Ich fliege immer noch zweimal
im Jahr hin und treffe Freunde und Bekannte und sehe meinen Sohn. Mein Freund Marco
Bode besucht mit regelmäßig in Auckland.“

Wynton für Werder weltweit

Rufer ist nicht nur Mitglied des FIFA Fußball-Komitees und FIFA Botschafter gegen
Rassismus, sondern wurde auch zum Schirmherrn von „Werder weltweit“ ernannt. Das
Projekt wurde in diesem Jahr ins Leben gerufen und soll den SV Werder rund um den Globus bekannt
machen. „Dass sie mich ausgewählt haben, das Projekt bekannter zu machen, macht mich
glücklich. Ich weiß, ich bin ein gesegneter Mensch und mit meiner Arbeit versuche ich so viel
wie möglich davon weiterzugeben.“ Werder weltweit wird regelmäßig als Podcast von
Werder Bremen und Hit Radio Antenne ausgestrahlt und stellt Werder-Fans aus der ganzen
Welt vor, die den Verein über das Internet zum Beispiel in China und Südafrika verfolgen.

Ein Sportstar mit Maori Blut

Aus dem erfolgreichen Stürmer, der 1992 mit Werder den Europapokal holte, ist ein
engagierter Trainer und bescheidener Christ geworden. Der Werder-Star und Sohn eines
Schweizers und einer Maori ist nach seiner sechszehnjährigen Profikarriere in Europa und
Japan in seine Heimat im Pazifik zurückgekehrt, um dort ein neues Fußballimperium
aufzubauen. Er wurde 2005 in die New Zealand und 2007 in die Maori Sports Hall of Fame
aufgenommen und war in diesem Jahr neben Neuseelands Rugby-Legenden Buck Shelford
(ehemaliger Kapitän der All Blacks), Tawera Nikau, Weltklasse-Surfer Daniel Kereopa und
Netball-Star Louisa Wall im August Gastredner auf der Maori Expo. In der Debatte ging es
um die Bedeutung des sportlichen Erfolgs als Maori. Für ihn seien seine Herkunft und die
Maori-Kultur schon immer von großer Bedeutung gewesen, sagt Rufer. „Mein Vater hat
immer versucht, mich sehr streng zu erziehen. Mit vielen Regeln wie Pünktlichkeit und
Ordnung“, erzählt Rufer. „Aber ich war schon immer mehr wie meine Mutter. In mir steckt
eben ein Maori. Aber das macht mich zu dem der ich heute bin. Für mich ist das Glas immer
halb voll.“ Das sei auch etwas, das man den Kindern mit dem Sport vermitteln müsse, so
Rufer: „Sie brauchen Vorbilder und Menschen, die ihnen sagen, dass sie alles schaffen
können, wenn sie nur an sich selbst glauben.“

Wnyrs NZ soll Kindern Hoffnung machen

Mit seiner Wynrs Soccer School macht der „Ozeanien-Spieler des Jahrhunderts“ seit 1997 den
Fußball am anderen Ende der Welt bekannt. In Auckland, wo bisher Rugby und Cricket den
Sportunterricht beherrschten, brachte Rufer nach seiner Rückkehr das runde Leder erst ins
Rollen. „Ich erfuhr damals, dass Neuseeland die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen
in der westlichen Welt hat. Kinder aus sozialschwachen Familien wuchsen in Armut auf, die
Gewaltbereitschaft war sehr hoch. Das hat mich schockiert“, erzählt der streng gläubige
Christ. “Ich hatte diesen Traum, in dem mir Gott sagte, dass ich etwas mit Kindern und
Fußball machen soll.“ Mit der Wohltätigkeitsstiftung “Wynrs NZ” erfüllte sich Rufer seinen
Traum und begeisterte bis heute schon über dreißigtausend Kinder in Neuseeland für den
Fußballsport. Heute zählt Soccer unter den Fünf- bis Siebzehnjährigen zu den beliebtesten
Sportarten in Neuseeland. „Mit dem Programm von Wynrs NZ wollen wir den Kindern eine
professionelle und hochqualifizierte Ausbildung garantieren, aber ihnen vor allem einige
wichtige Erfahrungen fürs Leben geben“, sagt Rufer. „Wir sind eine christliche Fußballschule
und es geht bei uns neben dem Sport auch darum, den Kindern wichtige Dinge, wie Disziplin
und Fairness beizubringen. Sie sollen bei uns fürs Leben lernen.“

Wynrs NZ betreut mittlerweile die Grassroots, die Wynrs Soccer Acadamy und das
Programm “Soccer 4 Life”. Eine Soccer Academy in Australien ist außerdem in Planung und
soll noch in diesem Jahr eröffnet werden. In der Grassroots Schule bieten Rufer und sein
Trainerteam Fußballunterricht nach der Schule und an Samstagen an. Die Academy hingegen
hat schon einige junge Talente im Profifußball hervorgebracht darunter Rufers Sohn Caleb, der 1991 in Bremen geboren ist. Caleb spielt heute für Wiesbaden in der dritten Bundesliga. Auch das Ausnahmetalent Stefan Marinovic vom SV Wehen Wiesbaden hat seine Wurzeln in
Neuseeland und trainierte mit Rufer. Die Wynrs-Talente sind heute in der Jugend der Glasgow
Rangers in Schottland, in England und Australien zu finden. Rufer hat selbst regelmäßigen
Kontakt zu seinen Schützlingen und reist schon in zwei Monaten das nächste Mal nach
Deutschland, um nach ihnen zu sehen. „Gerade wenn es bei den Jungs mal nicht so gut läuft,
brauchen sie meinen Zuspruch. Mit meinen Söhnen in Wiesbaden und Glasgow telefoniere
ich regelmäßig über Skype, um sie zu unterstützen. Es ist gerade eine schwere Zeit für sie.“

Ein weiteres Steckenpferd des Fußballprofis ist das Programm “Soccer 4 Life”. Hier werden den
Kindern neben dem Fußballtraining grundlegende Kenntnisse im Umgang miteinander
vermittelt sowie Selbstbewusstsein und der Glaube an Gott. Viele der jungen Spieler stammen
aus sozial unterprivilegierten Familien Neuseelands. Rufer selbst geht in seiner Arbeit auf.
Gemeinsam mit seiner Frau Lisa, einer gebürtigen Australierin, genießt er die Zeit in
Neuseeland und versucht den Kindern dort mit seinem Projekt ein bisschen Hoffnung zu
geben.

Das Leben in Neuseeland und Australien

Irgendwann, sagt Rufer, will er sich mit seiner Frau in Australien zur Ruhe setzten. „Da ist
das Wetter noch ein bisschen besser als hier.“ Bis dahin genießt der naturverrückte Fußballer
Neuseeland mit all seinen Vorzügen: „Erst letztes Jahr habe ich im Hafen von Auckland
wieder eine Gruppe Orkas gesehen. Die kommen jedes Jahr einfach vorbei geschwommen.
Sie waren so dicht, da war ich fertig“, sagt Rufer und lacht. „Zu meinen Freunden aus
Deutschland habe ich natürlich gesagt, dass wir das hier jeden Tag erleben.“

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