Begeisterung trotz Niederlage
Juli 4th, 2009 | Veröffentlicht in ertüchtigend | 1 Kommentar

sludern-Redakteuer Sascha Bornemann begleitet den Bremerhavener TV bei seinen ersten Gehversuchen in der 1. Tennis-Bundesliga. Den Startartikel der Serie kann man hier finden.
UPDATE zum zweiten Spieltag am Ende des Artikels!
Das erste Bundesligaspiel seiner Vereinsgeschichte würde der Bremerhavener TV sicherlich am liebsten schnell vergessen, wenn es um das reine Ergebnis geht. 0:6 hieß es nach fast sechs Stunden Spielzeit gegen den Titelverteidiger TK Kurhaus Aachen. Doch traurig oder gefrustet waren nach dem Spiel höchstens die BTV-Spieler selbst – denn wer verliert schon gerne!? Die etwa 1000 Zuschauer jedoch waren begeistert. So großartiges Tennis hatten sie noch nie auf der Anlage im Bürgerpark gesehen.
Ein Grund dafür waren die Weltklassespieler der Gäste, allen voran Deutschlands Nummer eins, Philipp Kohlschreiber (Weltranglistenplatz 32). Dazu hatte Aachen mit Philipp Petzschner und dem Belgier Steve Darcis zwei weitere Davis-Cup-Spieler aufgeboten. Komplettiert wurde das Team durch Dominik Meffert und den Doppelspezialisten Jaroslav Levinsky. Die Gäste hatten somit ihre Ankündigungen wahr gemacht, mit einer Spitzentruppe in Bremerhaven anzutreten.
Beim Blick auf die Einzelansetzungen auf BTV-Seite kam zu Spielbeginn bei einigen Fans so etwas wie Enttäuschung auf. Mit Antonio Pastorino, Damian Patriarca, Massimo Ocera und Marcos Jimenez-Letrado würden zwar vier Spieler antreten, die bekannt dafür sind, immer alles für den Verein zu geben, doch hatten viele auf einen Einsatz der im Vorfeld so häufig angekündigten Stars wie Nicolas Massu oder Sergio Roitman gehofft. Doch deren Einsatz ließ sich aus verschiedensten Gründen nicht verwirklichen, so dass Bremerhaven bei Beginn der Einzelspiele schon so gut wie chancenlos schien.
Doch es sollte ein spannender und vor allem unterhaltsamer Nachmittag im Bürgerpark werden. Im ersten Einzel bekam es Bremerhavens Damian Patriarca mit Aachens Philipp Petzschner zu tun und es schien sich gleich die erste Überraschung anzubahnen. Früh konnte der Argentinier seinem deutschen Kontrahenten das Aufschlagspiel abnehmen (Break) und ging so mit 4:1 im ersten Satz in Führung. War der um mehr als 500 Weltranglistenplätze bessere Deutsche etwa zu locker ins Spiel gegangen?
Doch während die Zuschauer noch auf den Gewinn des ersten Satzes für den BTV in der 1. Bundesliga hofften, drehte Petzschner das Spiel, glich zum 4:4 aus und breakte Patriarca beim Stand von 5:5. Der erste Satz ging somit mit 7:5 an Aachen. Auch im zweiten Durchgang hielt der Bremerhavener gut mit, die entscheidenden Punkte gingen dann aber doch immer wieder an den 25-jährigen Petzschner. Mit 6:3 holte dieser sich dann auch den zweiten Satz und somit den ersten Matchpunkt für die Aachener.
Auf dem Nebenplatz hatte inzwischen die Partie zwischen Marcos Jimenez-Letrado und Dominik Meffert begonnen. Der für Bremerhaven spielende Spanier erwischte dabei einen denkbar schlechten Start, lag schnell mit 1:5 hinten und musste Satz eins mit 3:6 abgeben. Dann aber wurde das Spiel offener und der kleine „Sandplatzwühler“ zeigte, dass er sich nicht ohne weiteres geschlagen geben würde. Doch beim Stand von 3:3 im zweiten Satz gelang Meffert das vorentscheidende Break. Zwar wehrte sich Jimenez-Letrado mit allen Kräften, verlor den Satz aber mit 4:6. Es hieß somit 2:0 für Aachen.
Im nächsten Einzel bekam es Massimo Ocera mit Steve Darcis zu tun. Auch hier waren die Rollen klar verteilt. Der Bremerhavener, der gar nicht mehr in der Weltrangliste geführt wird, war gegen den Belgier (Weltranglistenplatz 77) der klare Außenseiter. Doch es sollte das spannendste Einzel des Tages werden. Der 25-jährige Darcis nahm seinem italienischen Gegner gleich zu Beginn den Aufschlag ab. Doch dann holte Ocera den Kämpfer aus sich heraus und drehte den ersten Satz vom 1:3 zum 4:3 aus seiner Sicht. Darcis hatte nun mehr Mühe als gedacht, doch gelang ihm wenig später das entscheidende Break, was ihm den ersten Satz mit 6:4 bescherte. Genauso offen war dann auch der zweite Durchgang. Ocera zeigte, dass die Bremerhavener trotz ihrer klaren Unterlegenheit, was die Ranglistenplatzierungen angeht, in dieser Saison keinen Punkt herschenken würden. Mit 7:5 holte sich Darcis dann aber trotzdem den zweiten Durchgang und atmete erstmal tief durch.
Es folgte das letzte Einzel und der Auftritt des Mannes, auf den sich die Zuschauer am meisten gefreut hatten. Als Philipp Kohlschreiber den Platz betrat, bekam er einen solchen Applaus, wie ihn noch nie ein Gästespieler im Bürgerpark bekommen hatte. Das Aushängeschild des deutschen Tennis’ zu Gast in Bremerhaven. Schon vor dem Spiel hatte sich der 25-Jährige volksnah gegeben, schaute bei den Spielen seiner Teamkollegen zu und erfüllte Autogramm- und Fotowünsche. Am Vortag hatte er sich beim Training sogar eine halbe Stunde Zeit genommen, um mit einigen BTV-Kindern ein paar Bälle zu schlagen. Doch nun konzentrierte er sich auf seine eigentliche Aufgabe und die bestand darin Bremerhavens Antonio Pastorino in die Schranken zu weisen.
Dass er sich dies auch zu Herzen genommen hatte, sah man besonders im ersten Satz. Zwar gab der kleine Argentinier alles, doch Kohlschreiber zeigte, dass es immer noch schneller und präziser ging. Die Zuschauer waren begeistert. Zum einen von Kohlschreiber, der die Aufgabe nicht auf die leichte Schulter nahm, zum anderen aber auch von „Toni“ Pastorino, der dann im zweiten Satz endlich zu seinem ersten Spielgewinn kam. „Toni, du hast ihn“, brüllte ein Fan, als Pastorino mit 1:0 in Führung ging. Kohlschreiber drehte dann den Satz aber zum 3:1 aus seiner Sicht. Pastorino gewann darauf hin sein Aufschlagspiel und dann passierte das, worauf alle gehofft hatten: „Toni“ nahm der Nummer eins Deutschlands den Aufschlag ab und sorgte somit für Begeisterung auf den Rängen, was ihm sichtlich unangenehm war. Kohlschreiber hingegen konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Mehr als ein weiterer Spielgewinn war für Pastorino aber nicht drin, so dass er sich am Ende mit 0:6 und 4:6 geschlagen geben musste.
Nach einer halbstündigen Pause standen nun die beiden abschließenden Doppel auf dem Programm. Hier bekamen die BTV-Fans einen weiteren Leckerbissen zu sehen. Pastorino und Patriarca traten gegen die beiden Philipps, Kohlschreiber und Petzschner, an. Es war nun so etwas wie ein kleines Davis-Cup-Spiel: Argentinien gegen Deutschland. Die beiden Bremerhavener waren im ersten Durchgang mehr als ebenbürtig, führten sogar zwischenzeitlich mit 4:2. Doch die „Philipps“ schlugen zurück und holten sich den Satz mit 7:5. Im zweiten Satz war die Entscheidung dann schnell gefallen. Kohlschreiber und Petzschner gewannen diesen mit 6:2 und damit auch die Partie, hatten dann aber die nächsten Aufgaben zu bewältigen: Autogrammeschreiben und Fotoshootings. Auch hier sah man, dass die beiden Starspieler ohne Starallüren sind. Verschwitzt und mit dem Wunsch nach einer erholsamen Dusche nahmen sie sich die Zeit für die jungen BTV-Fans. Ein etwas älterer Zuschauer rief Kohlschreiber dann das zu, was sich wohl viele an diesem Tag gedacht haben. „Philipp, vielen Dank, dass ihr da wart!“ Kohlschreiber antwortete mit einem Lächeln.
Währenddessen hatten Massimo Ocera und Marcos Jimenez-Letrado gegen ihre Kontrahenten Steve Darcis und Jaroslav Levinsky, der nun im Doppel für die Aachener antrat, das geschafft, was dem BTV bis dahin verwehrt geblieben war. Sie hatten tatsächliche einen Satz gewonnen! Nach dem 6:3 im ersten Durchgang konnte man darauf hoffen, dass es vielleicht sogar zum Matchgewinn reichen könnte, doch das Aachener Doppel gewann den zweiten Satz mit 6:4. Es ging nun in den sogenannten Match-Tiebreak. Hier wird jeder Punkt gezählt und das Doppel, das zuerst die Marke von zehn Zählern erreicht hat, hat den Satz und somit das Spiel gewonnen. Hier schienen bei den BTV-Spielern die Kräfte zu schwinden, Darcis/Levinsky gewannen mit 10:6.
Alles in allem war es aber ein unvergesslicher Tag für den BTV. Das allererste Spiel in der höchsten deutschen Spielklasse, den Titelverteidiger zu Gast und so viele Topstars zum Anfassen auf der Anlage. Da ärgerte sich am Ende kaum jemand, dass es ergebnistechnisch eine 0:6-Packung gab.
Das nächste Spiel bestreitet der BTV bereits morgen Mittag. Ab 11 Uhr ist die Mannschaft beim Rochusclub Düsseldorf zu Gast. Ein Update mit dem Ergebnis findet Ihr morgen Abend unter diesem Artikel.
Das nächste Heimspiel findet dann am darauf folgenden Sonntag, 12. Juli (11 Uhr), gegen Etuf Essen statt.
Zwischen seinen Spielen, den Autogrammwünschen, Fototerminen und der wohlverdienten Dusche nahm sich Deutschlands Tennisstar Philipp Kohlschreiber (25) Zeit, um sludern ein paar Fragen zu beantworten:
sludern: Philipp, wie beurteilst Du den heutigen Auftritt deiner Mannschaft?
Kohlschreiber: Ich bin mit unserer Leistung sehr zufrieden.
sludern: Welchen Eindruck hast Du von Bremerhaven gewonnen?
Kohlschreiber: Alle hier waren sehr freundlich, wir wurden toll empfangen. Wir sind am Donnerstag hier angekommen und waren in einem Hotel in der Innenstadt untergebracht. Bremerhaven ist eine nette Stadt.
sludern: Du würdest also gerne mal wiederkommen?
Kohlschreiber: Eigentlich bin ich ja mehr im Süden zu Hause, es hat mir hier aber sehr gefallen.
sludern: Glaubst Du, dass der BTV sich als Aufsteiger in der Liga halten kann?
Kohlschreiber: Sie haben sich auf jeden Fall stark präsentiert. Wir waren zwar ein starker Gegner, aber sie haben ein gutes Team. Ich denke, sie haben gute Chancen, die Klasse zu halten.
sludern: Vielen Dank, Philipp!
Philipp Kohlschreiber, geboren am 16. Oktober 1983 in Augsburg, ist seit 2001 als Profi aktiv. Seine beste Weltranglistenplatzierung erreichte er am 14. April 2008 mit Platz 24. Bisher hat er zwei ATP-Turniere gewonnen (’07 München, ‘08 Auckland) und ist eine feste Größe des deutschen Davis-Cup-Teams. Im Doppel konnte er sogar schon sechs Titel auf der ATP-Tour gewinnen. Aktuell ist er die Nummer 32 der Welt und hat bisher rund 2,7 Millionen Dollar an Preisgeld verdient. In diesem Sommer spielt er für den TK Kurhaus Aachen in der 1. Bundesliga.
UPDATE zum zweiten Spieltag:
BTV auch in Düsseldorf ohne Chance
Hier klicken zum Lesen -> show
Blogsphere: TechnoratiFeedsterBloglines
Bookmark: Del.icio.usSpurlFurlSimpyBlinkDigg

Juli 7th, 2009 um 15:47 (#)
Matchball, Bornemann! Guter Artikel :-)
Allerdings fand ich es eher langweilig, Aachens Topstars wurden fast nie gefordert und konnten in aller Ruhe ihre Achselhaare zupfen.
Aber der Bremerhavener Sportfan ist genügsam, Hauptsache irgendwo, egal wo, ist was los.