Tatort Bremen: Die Szene-Kenner

Juni 7th, 2009  |  Veröffentlicht in medial

Tatort Bremen

Sie ist kleiner als sie im Fernsehen wirkt. Und sie trägt Jeans. Leger, und doch elegant gekleidet, mit hellblauer Bluse und orangefarbenen Stöckelschuhen, wuselt sie durch die Menge. Sie bahnt sich ihren Weg durch die über 100 Menschen, schüttelt strahlend Hände und umarmt einige Damen. Das Angebot einer Kellnerin, die mit einem gefüllten Tablett erscheint und ihr ein Glas Sekt anbietet, schlägt sie nur lächelnd aus und ruft: „Später, später, danke.“ Durch das allgemeine Gemurmel im Foyer hört man immer wieder ihre Stimme heraus. Logisch, denn die hat jeder der Gäste im Ohr. Sie kennen sie aus dem Fernsehen. Und nun auch aus dem Kino-Saal. Hauptkommissarin Inga Lürsen alias Sabine Postel feierte am Donnerstag Premiere: Der neue Bremer „Tatort“ ist da.

Postel, für die es nun schon der 20. Bremer „Tatort“ ist, in dem sie die Ermittlerin spielt, war nicht allein ins „Cinemaxx“ gekommen. Sie brachte gleich ihr halbes Team mit. Unter anderem wuselten mit ihr Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Kriminal-Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann), Regisseur Thomas Jauch, Drehbuchautor Jochen Greve und Michael Glöckner, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Radio Bremen, durch das Kino.

Glöckner war es, der gemeinsam mit Radio Bremen-Redakteurin Annette Strelow die Premiere moderierte und die Gäste willkommen hieß. Als alle ihr Begrüßungssektglas geleert und im Kinosaal 8 Platz genommen hatten, fand er ein paar einleitende Worte. Er versäumte auch nicht, noch höflich einen seiner Ehrengäste vorstellend darauf hinzuweisen, dass man wohl mit „Tote Männer“, so der Titel der neuesten Produktion, leider hinter den Quoten des vergangenen Samstagabends hinterher hinken werde. Zu dieser Zeit bestritt Werder Bremen das DFB-Pokalfinale in Berlin, live in der ARD übertragen. Werders Cheftrainer Thomas Schaaf saß mit seiner Frau Astrid im Publikum.

Und dann konnte es losgehen. Sehr angenehm übrigens, so viel Kommentar zum Rahmen der Premiere sei erlaubt, einmal eine Kino-Vorführung ohne jegliche Werbung und Premieren-Vorschauen zu erleben.

Drei Augenpaare flimmern über die Leinwand, ein sprintendes Paar Beine, ein Fadenkreuz, der Vorspann ist immer gleich. Doch dann, schon in der ersten Szene, merkt man das Bremer Flair. Es geht um einen der Höhepunkte im Bremer Jahr, um die „fünfte Jahreszeit“, um den Freimarkt. Dort vergnügen sich Hauptkommissarin Lürsen, Kommissar Stedefreund, Kriminal-Assistent Karlsen und Lürsens Tochter Helen Reinders, gespielt von Camilla Renschke. Schließlich wanken Stedefreund und Helen angetrunken Richtung Innenstadt und fühlen sich zunehmend zueinander hingezogen. Dann plötzlich, als sie sich gerade näher kommen, beobachten sie einen versuchten Einbruch. Stedefreund kann die zwei Männer, die sich an einer Ladentür zu schaffen machen, zwar an der Tat hindern, jedoch nicht festhalten. Und melden wollen sie den Vorfall am nächsten Tag auch nicht, denn dann käme ihre Affäre, die später bei Helen zu Hause endet, in die Ohren von Hauptkommissarin Lürsen.

Ein großer Fehler, wie sich später heraus stellt.

Ohne zu viel verraten zu wollen, seien zur Geschichte von „Tote Männer“ noch einige Aspekte preisgegeben. Die Rahmenhandlung dreht sich um einen Mord in der homosexuellen Szene. Ein Student mit libanesischen Wurzeln, Malik Zafiri, wird tot in der Weser treibend aufgefunden. Mit heruntergelassener Hose und an den Füßen gefesselt. Der Verdacht erhärtet sich gegen den Elektriker Leon Hartwig (Felix Eitner) der sich mit Zafiri getroffen haben soll, als Parallelen zu einem Fall in Lübeck gesehen werden. Dieser trug dieselbe Handschrift wie der Mord in Bremen. Hartwig hatte zu jener Zeit beruflich in Lübeck auf einer Baustelle zu tun. Lürsen und Stedefreund ermitteln.

Währenddessen kommt die Affäre zwischen Stedefreund und Lürsens Tochter Helen raus, was für reichlich Trubel auf dem Revier sorgt. Einige Wirrungen, Streits, Annahmen, getrennte Ermittlungen und Fehlschläge später mündet die Geschichte schließlich für „Tatort“-Verhältnisse fulminant in einem versuchten weiteren Mord. Das Ergebnis der Ermittlungen war zwar nicht offensichtlich, aber schon während des anderthalbstündigen Krimis erahnbar.

Typisch Bremen ist die Auswahl der Drehorte. Reichlich Straßenbahnen heulen durch die Einstellungen, mal befindet man sich am Hauptbahnhof, mal im Viertel, mal an der Schlachte. Und, man lese und staune: Bei Radio Bremen. Denn das vermeintliche Polizeirevier wurde, zumindest zum Teil, im neuen Radio Bremen-Gebäude in der Diepenau eingerichtet.

Praktisch für die Dreharbeiten war auch der zurzeit noch laufende Bau des neuen Weser-Towers in der Überseestadt. So hatte man gleich eine Baustelle, auf der Leon Hartwig als Elektriker arbeiten konnte.

Nach reichlich Applaus auf der Premiere fand sich das Team von „Tote Männer“ noch zu einer abschließenden Frage- und Diskussionsrunde zusammen, in deren Anschluss der Abend bei noch mehr Sekt ausklang. Kommende Produktionen könnten übrigens noch mehr Bremisches enthalten, in den Farben grün und weiß. Denn auf Wunsch des Publikums und um Premierengast Thomas Schaaf die Ehre zu erweisen könnte Stedefreund bald ein wenig mehr seiner Werder-Leidenschaft zeigen dürfen. Vielleicht ja schon im nächsten Bremer Tatort mit dem Arbeitstitel „Wahlverwandtschaften“, der gerade gedreht wird. Sludern.de wird auch dort vor Ort sein und Euch einige Eindrücke vom Set geben.

Fazit der Premiere von „Tote Männer“: Der neue „Tatort“ kommt wie gewohnt mit Spannung und Dramatik daher, aber zusätzlich auch mit Humor und Romantik. Kosten wurden zwar aus verständlichen Gründen gescheut, Mühen aber nicht. Gute Kamera-Arbeit, viel Arbeit mit Tiefenschärfe, ein paar außergewöhnliche Einstellungen und Bildausschnitte. Schauspielerisch sehr gut, allerdings könnte Winfried Hammelmann, auch wenn er nur drei kurze Auftritte hat, noch an seiner Darbietung der, natürlich, auswendig gelernten Texte arbeiten. Dieses Auswendig-Lernen merkt man ihm an. Ein genialer Wort-Akrobat mag er sein, wenn er als Brian Brain durchs Radio geistert, als Schauspieler aber ist seine Leistung verbesserungswürdig. Weiterer Kritikpunkt: Wieder wurde eine Minderheitenszene als Kern der Geschichte ausgewählt. Erst waren es die Neonazis in der Bremer Produktion „Schwelbrand“ (2007), dann die Türken in „Familienaufstellung“ (2009), die ins Visier der Ermittler geraten. Nun sind es die Homosexuellen.

Trotzdem: Sehenswert. Der Sendetermin ist Sonntag, der 14. Juni 2009, 20.15 Uhr, ARD.

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