Fuck Off mit echten Mafiabärten im Speicher XI

Februar 23rd, 2009  |  Veröffentlicht in bremisch  |  1 Kommentar

Dämmstoff

Als die Klassen der Bremer Hochschule für Künste am Wochenende im Speicher XI ihre Fotografien, Modearbeiten, Installationen, Bilder und Konzerte über vier Etagen präsentierten, gab es richtig viel zu sehen. So viel, dass an einem Tag kaum alles zu schaffen war. Kaffeetassenrandstempel, Nippelbroschen und allerhand andere Dinge, „die die Welt nicht“, oder eben gerade doch braucht, gab es im Laden der Dämmstoffmafia gegen ein Schutzgeld zu kaufen.

Die Arbeitsgemeinschaft der „organisierten Kreativität“ verkaufte in einem komplett aus Kartons aufgebauten Laden und mit „echten Mafiabärten“ ausgestattet Schwimmflügeltaschen, Stempel, mit denen man dekorative braune Kaffeetassenränder auf Unterlagen hinterlassen kann und aus Gips modellierte Frauennippel als rosafarbene Broschen.

Viele der Arbeiten integrierten die Besucher interaktiv in die Ausstellung. Die Installation „Zwei Stuhl Kontakte“ von Daniel Neubacher ließ das Licht im Raum ausgehen und erzeugte krachende Störgeräusche, als sich zwei auf Stühlen gegenübersitzende Menschen berührten und so einen geschlossenen Stromkreislauf erzeugten. Im „Wald“ des Kurses „Interaktive Klangbearbeitung“ konnte man die verschiedenen Geräusche der Vögel, Füchse und des Windes in den Baumwipfeln erkunden, je nachdem, in welche Ecke des Bildes man sich bewegte. Auf dem „innovativen Kickertisch“ durftDämmstoff2e leider nicht gespielt werden, zu wertvoll ist die in drei Semestern entstandene Arbeit von Wiebke Benkel, die selbst leidenschaftlich gerne spielt. Die handgegossenen Spielfiguren sind auswechselbar, so kann jeder Spieler seinen eigenen Satz mitbringen. An dicken Metallstangen wird der Kopf oben und der Körper unten eingedreht. Auch Schummeln ist hier schwierig. Wird ein Tor erzielt, rollt der Ball unter der Tischplatte in ein kleines Fenster. Die Anzahl der Bälle bestimmt so den Spielstand.

Die Arbeit „Fuck off“ von Johann Büsen erforderte „eine sehr gute Recherche auf den Dachböden von Politikern“. Die „dort gefundenen Familienbilder“ zeigen eine barbusige Angela Merkel und einen extrem gut bestückten Gerhard Schröder. Seltsam, dass die Medien bis dato noch nicht auf die pikanten Bilder aufmerksam geworden sind…

Die Diplomarbeit von Valeska Scholz aus dem Bremer Viertel beruht ebenfalls auf ausgezeichneter Recherche, allerdings anders. Ihr Comic ist aus einer außergewöhnlichen Idee heraus entstanden. An zehn Tagen ist sie mit dem Zug nach Hamburg, Delmenhorst und Hannover herumgefahren, „eben so weit das Semesterticket reicht“. Dabei nahm sie Gespräche der Zuggäste mit einem im Rollkragenpullover versteckten Mikrofon auf. „Mir kam es dabei darauf an, den Wortwechsel möglichst authentisch wiedergeben zu können“, sagte die Studentin des Kurses „Integriertes Design“. „Es ist unglaublich, welche privaten Details in Zügen öffentlich besprochen werden.“ Rund 15 Stunden Zuggespräche kamen so zusammen. Zwei davon verwendete Valeska Scholz in ihrem Comic. Eine Sequenz handelt zum Beispiel von einer Frau, die von einem schrecklichen Alptraum über den Deutsch- Französischen-Krieg erzählt. Die Bilder sind schwarz-weiß gehalten, anders, als die Episode über „Siggi aus der Roonstraße“.

Die DämmstoffmafiaErgebnis einer Unterhaltung im ZugValeska Scholz mit ihrer ArbeitFrauennippelInteressant...

Valeska Scholz, die selbst in der Roonstraße lebt, hat dafür hunderte von Kassenzetteln gesammelt und Geschichten daraus gesponnen. „Wenn auf dem Kassenzettel Hackfleisch, Orangensaft und Klopapier steht, setzt man das irgendwie automatisch in Zusammenhang“, erklärt sie. „Das ist irgendwie manchmal eklig.“ Auch hat sie sich vorgestellt, wer zum Beispiel zwei Packungen Kaubonbon gekauft und mit einem zwei Euro Stück bezahlt hat. „Ich habe mir überlegt, was für ein Typ der Käufer gewesen sein könnte und wie er vielleicht wohnt“, erklärt die blonde Künstlerin. So entstand die detailgenaue Figur des Jungen Siggi, der mit seinen Eltern in der Roonstraße lebt. Dabei hat sich die Zeichnerin genaue Pläne der Straße gemacht und überlegt, wie demnach Siggis Wohnung geschnitten sein müsste. Der Junge wird wegen seines Strickpullovers, der im Viertel tatsächlich häufig zu sehen ist, gehänselt. Als er die zwei Euro findet, kauft er gegen den Willen seiner Eltern, die ebenfalls ähnliche Strickpullover tragen, Kaubonbons und die Geschichte nimmt ihren Lauf. „Es gehört wahnsinnig viel Recherche dazu“, kommentierte Valeska Scholz diese Details. In einer Ecke des Raumes liegt einer dieser Einkäufe: eine Packung Rotkohl, Schinken, Orangensaft und saure Gurken. „Eine traurige Geschichte“, sagt Valeska.

Blogsphere: TechnoratiFeedsterBloglines
Bookmark: Del.icio.usSpurlFurlSimpyBlinkDigg

Kommentare

  1. JB sagt:

    September 14th, 2009 um 08:35 (#)

    Schau doch mal vorbei :-)
    http://www.johannbuesen.de/fotografie.htm
    VG

Schreibe eine Antwort.

Achtung: Bitte die abgebildeten Zahlen eintippen. Das können nämlich nur echte Menschen.