Ausgesprochen Platt

November 22nd, 2008  |  Veröffentlicht in bremisch

Plattdeutsch

Die Tür ist verschlossen, wer hinein will muss klingeln. Hinter ihr warten Bücher. Sie bedecken alle vier Wände, liegen auf Tischen, Stühlen und Treppenstufen. Mit Titeln wie „De Kiwitt“ oder „As de School noch in d’ Loog stunn“.

Die folgende Reportage ist Teil einer kleinen, losen Reihe auf sludern.de. Alle Stücke wurden im Rahmen eines praktischen Übungsmoduls im Internationalen Studiengang Fachjournalistik an der HS Bremen im Sommersemester 2008 erstellt.

Auch dem Schreibtisch im ersten Stock stapeln sich Bücher und Papiere, die mit Kaffeeflecken übersäht sind. Gleich zwei Zuckerstreuer balancieren an der Tischkante. Hier arbeitet Ulf-Thomas Lesle. Sein zotteliger Bart geht in direkt ins staubgraue Haar über. Er ist Wissenschaftler. Sein Fachgebiet wird seit 250 Jahren immer wieder für Tod erklärt: Plattdeutsch.

Der Ex-Dramaturg arbeitet seit 1990 am Institut für Niederdeutsche Sprache (INS) im Bremer Schnoor Viertel. Wie er als junger Mann darauf kam, Plattdeutsch – oder niederdeutsche Philologie, wie die Wissenschaft zur Sprache heißt – zu studieren, weiß er selber nicht mehr ganz genau. Die Geschichte der Sprache habe ihn wohl schon immer fasziniert.

„Aber Platt ist für mich keine Herzensangelegenheit“, schüttelt er den Kopf. Zuhause spreche er kein Platt und auch bei der Arbeit sei Hochdeutsch einfacher. „Plattdeutsch ist schließlich keine wissenschaftliche Sprache.“
Sein Blick streift umher während er redet, tastet über die bunt zusammengewürfelten Möbel. Stücke aus drei Jahrzehnten Institutsgeschichte sind in dem engen Büro wiederzufinden. Moosgrüne Muster der Siebziger auf einem Stuhl, die kantige achtzigerjahre Form des Schreibtischs. Auf der Computertastatur haben sich die Jahre in fleckigem beigegelb niedergelegt. Das neue Jahrtausend hat noch keine Spuren hinterlassen.

Das INS ist Kommandozentrale für alles, was im Norden mit Platt zu tun hat. Vereine, Volkshochschulen und „Plattsnacker“ aus acht Bundesländern wenden sich mit Fragen an Lesle und seine Kollegen.

Die Zahl derer, die dabei wirklich Platt sprechen nimmt rapide ab. Mitte der Siebziger behaupteten noch acht Millionen, regelmäßig Platt „zu snacken“. Heute geht Lesle von einer Million Menschen aus. Mit der Reformation begann der Untergang des Platt, die Globalisierung tut nun den Rest. Zwar sagen viele, man solle etwas für den Erhalt der Sprache tun; Lehrer lassen Schüler plattdeutsche Gedichte Lesen, Theatergruppen spielen Platt. Heimelig sei die Sprache, niedlich und lustig. Aber den Charakter des Lebendigen hat es längst verloren.

Lesle bemerkt das besonders, wenn er die Nachrichten vorbereitet. Der Radiosender Bremen Eins sendet seine „platten“ Nachrichten unter der Woche um halb elf. „Wir müssen da viel umschreiben, weil es die neuen Begriffe einfach nicht gibt. Versuchen sie mal Kohleverflüssigungsanlage zu übersetzen.“ Das leise Lachen offenbart angegilbte Zähne, er raucht gern Pfeife.

Das Schrillen des Telefons zwingt die Mundwinkel zurück in ihre Ausgangsstellung. Lesle beantwortet geduldig Frage um Frage. Auf Hochdeutsch.
Das INS bezeichnet sich selber als „Einrichtung zwischen Wissenschaft und Serviceleistung“. Neue Bücher für die Bibliothek besorgen und die alten pflegen gehören genauso dazu wie Begriffsfragen zu beantworten.

Dabei würde Lesle gerne mehr Zeit damit verbringen, an den Wurzeln der Sprache zu forschen. Eine stark idealisierte Geschichte will er auf die Wirklichkeit zurechtstutzen. Platt sei mehr als nur lustig und niedlich. „Diese Selbstgefälligkeit der Leute. Viele aus der plattdeutschen Bewegung waren verstrickt und haben den braunen Jahren keine Rechenschaft abgelegt. Als alten 68ziger hat mich das schon immer gestört.“

Das verwaschene schwarze Poloshirt und die Kargohose bilden einen Kontrast zu seiner Sprechweise. Lesle spricht wie geschrieben: Gradlinig, präzise und wohlüberlegt.
Was wünscht er sich für die Zukunft des Platt? Der Professor starrt auf eine Kiste mit Büchern in der Ecke, öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Dann setzt er erneut an. Der Tonfall in der Szene störe ihn. In letzter Zeit sei er so verbittert geworden. „Der Prozess ist nun einmal nicht mehr umkehrbar, es geht beschleunigt den Bach runter.“ Er kratzt sich am Bart. Plattdeutsch als Identität, das gäbe es halt nicht mehr. „Sprache verändert sich nunmal. Ich würde mir mehr Gelassenheit wünschen. Etwas mehr Jan Fedder statt des ganzen Gejaules.“

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