Zwischen Malariapanik und Curry
Juli 14th, 2008 | Veröffentlicht in Features

Insgesamt vier Wochen war sludern-Redakteur Hannes mit einem Freund in Nordindien unterwegs. Nach dem ersten Teil seines Berichts aus dem Land ohne Klopapier folgt jetzt und hier die Fortsetzung des Reisetagesbuchs:
An die Qualität der Hotels haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Die paar hässlichen Flecken auf den Laken sind ja auch kaum der Rede wert. Ein bis zwei Euro zahlen wir pro Übernachtung. Soviel zum Thema Low-Budget.
Abends vor dem Einschlafen wird Max regelmäßig zum Jäger. Bevor nicht auch der letzte Moskito im Zimmer tot ist, wird nicht geschlafen. Während wir anfangs noch immer mühselig das Netz über dem Bett aufgehangen haben, lassen wir aber im Verlauf der Wochen auch davon ab.
Indien hat für uns vorbelastete Deutsche etwas traumatisches. Überall findet man Hakenkreuze: auf Bussen, an Tempeln, auf T-Shirts. Es gibt sogar Hakenkreuz-Händler mit einer ganzen Palette von Hakenkreuz-Produkten. Verständlich, denn das Sonnenrad (Hakenkreuz) ist eines der heiligsten Symbole des Hinduismus und des Buddhismus.
Nach und nach stellen wir auch fest, dass die Kommunikation schwieriger ist als gedacht. Englisch wird wenig, wenn überhaupt nur gebrochen gesprochen. Wir kommunizieren daher eigentlich nur mit einzelnen Worten und fuchteln dazu passend mit Händen und Füßen.
Mit diesen Erkenntnissen geht es weiter nach Agra. Außer Smog gibt es hier auch das weltberühmte Taj Mahal. Gemeinsam mit dem Touri-Mob stehen wir also um 6.30 Uhr am Morgen vor dem weißen Marmorbau und warten auf die Fotogelegenheit mit aufgehender Sonne. Dank der Abgasglocke ist der aber gar nicht erst zu sehen. Trotzdem ein eindrucksvoller Bau, auch für 12,50 Euro Eintritt.
Im Zug fahren wir weiter in Richtung Wüste Thar. An meinen Füßen bilden sich langsam Blasen. „Macht nichts“, denk ich mir und beiße die Zähne zusammen. Nach zwei weiteren Städten und einem Kamelritt in der Wüste sind die Blasen eitrig. Sightseeing geht jetzt nur noch humpelnd. Trotzdem gefällt es uns immer besser.
Nach den großen und überfüllten Jaipur und Jodhpur verschlägt es uns nach Udaipur, der grünen Stadt. An zwei großen Seen gelegen bietet die Stadt nicht nur einen schönen Ausblick, sondern auch viel zu erleben. Wir leihen uns Fahrräder aus, fahren in der Umgebung herum und kommen vorbei an kleinen Dörfern und Kricket spielenden Kindern. Hier kann man das Land genießen – weniger Lärm und weniger Dreck.
Drei Tage später sind wir am Meer. Díu ist eine ehemalige portugiesische Kolonie. Die Halbinsel ist nur wenige Kilometer breit und auch nicht viel länger. Wir leihen uns zwei Mopeds aus und tun das Erstbeste: baden gehen. Auf der Insel verbringen wir eine Woche. Steilklippen, Sandstrände, Sonnenschein, wir sind zufrieden. Langsam verheilen auch die Wunden an den Füßen.
Nach der Woche heißt es auf zur letzten Station – in den Himalya. Auf dem Weg dorthin besteigen wir noch wagemutig den Tempelberg Ginar Hill. Etwa 8 000 Stufen sind es hinauf. Leichtsinnig machen wir uns um neun Uhr los. Spätestens nach 30 Minuten stellen wir fest, dass Dauertreppensteigen doch nicht so einfach ist wie gedacht. Netterweise wird einem durch die nur langsam steigende Stufenzahl, die jeweils alle 50 Stufen angezeigt wird, noch die eigene Schwäche vor Augen geführt. In der brütenden Mittagshitze erreichen wir den Gipfel und machen uns kurz darauf wieder auf den Weg nach unten. Zwei Stunden später ist es geschafft. Wir waren zwar schneller als die Meisten Inder, müssen nun aber erst einmal einige
Zeit in einem Eiscafe vebringen. Unsere Beine sollten uns noch zwei Wochen später weh tun.
Unser Ziel im Himalaya ist Shimla. Den alten britischen Sommerregierungssitz auf 2300 Meter Höhe erreicht man mit einer Schmalspurbahn. Die braucht satte fünf Stunden für 90 Kilometer Fahrt. Eine Klimaanlage gibt es natürlich nicht und auf den für kleine indische Verhältnisse gebauten Sitzen kann man kaum sitzen. Am Streckenrand stapelt sich der Müll, der dauernd aus den Fenstern geworfen wird. Ein Bewusstsein für Umweltschutz gibt es Indien kaum.
Kurz vor dem Ziel dann macht die Lokomotive schlapp. „Der Motor ist kaputt“, murmelt es nach kurzem Warten. Super. Also fahren wir mit dem Bus weiter – ein Erlebnis wie im Film! Kaum eingestiegen geht die Disco los. Der Fahrer schmeißt die Lichtanlage an und wirft die Panjabi-CD ein. Lauthals mitsingend fährt er dann in indischer Manier halsbrecherisch auf den Serpentinen gen Shimla.
Dort verbringen wir drei Tage hauptsächlich damit zu essen. Wir probieren alles aus, was man auf der Straße bekommt – von frischem Obst über Spinatpuffer bis zum Dhal – einem indischen Linsengericht. Dann ist der Urlaub so gut wie vorbei.
Wir fahren zurück nach Neu-Delhi. Diesmal gefällt uns die Stadt viel besser. An Hektik, Lärm und Dreck haben wir uns gewöhnt und können jetzt genießen. Wir erledigen noch die letzten Einkäufe für Zuhause: Mitbringsel und Geschenke.
Als krönenden Abschluss treffen wir im Park am Connaught Place den „Ohreputser“, wie er sich uns vorstellt. Wir sind verdutzt. Er ist der stadtbekannte Ohrenputzer. Gerne würde er auch unsere Gehörgänge vom Dreck befreien. Wir winken ab. Auch mit Artikeln über ihn und einem Büchlein voller Kommentare von glücklichen – auch Deutschen – Kunden kann er uns nicht überzeugen ihn an unser Schmalz zu lassen.
Der Abschluss der Reise ist genauso seltsam wie es der Beginn war. Aber in vier Wochen haben wir viel gelernt über das Land, die Leute und das Leben zwischen Armut und Fortschritt. Wir haben viel gelernt und gesehen und wir sind uns beide sicher: wir kommen wieder!
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