Vom Klischee der Christen

Mai 9th, 2008  |  Veröffentlicht in bremisch

christival

Lange glatte Haare, die Kleidung aus naturfarbenen Leinen und die Füße gehüllt in Jesuslatschen. Er ist jeden Sonntag zum Gottesdienst in der Kirche, ist prüde, man erkennt ihn schon von weitem am Gesang. Natürlich hat er keinen Sex bis zur Ehe, ist ein wenig unterbelichtet und schmettert jedem das “Jesus liebt dich” entgegen. So sieht er aus – der typische Christ. Doch ist dieses Bild von Christen Realität oder nur eines von vielen Klischees?

Die Jugendlichen, die vom 30. April bis 4. Mai auf dem evangelischen Jugendkongress waren, ähnelten jedenfalls eher Punks, Emos, Skater – und, man glaubt es kaum, „normalen” Teenagern. Trotzdem wurde zum fünften Christival in Bremen tief in die Klischeekiste gegriffen. Einige Medien beschrieben das Christival sogar als eine von Amerika ferngesteuerte Ansammlung von Fundamentalisten. Der Grund für die Kritik waren zwei Seminare. Ein Seminar, welches Homosexualität als therapierbare Störung darstellen wollte und ein Seminar über die Abtreibung von Ungeborenen. Doch statt sich ihnhaltlich mit diesen brisanten Themen zu befassen, gingen etwa 100 Demonstranten am Mittwochabend gewalttätig gegen das Christival vor. Einigen fiel keine bessere Form der berechtigten Demonstration ein als den Zaun des Festivalgeländes umzuschmeißen und Böller auf das Gelände zu werfen.

Die großen Verlierer dieser Ausschreitungen waren diejenigen, die ernsthaft über Homosexualität oder Abtreibungen diskutieren wollten. Denn Gewalt und die Forderung von Toleranz passen irgendwie nicht zusammen.

Das Christival hat die Ausschreitungen am Rande der Veranstaltung spielend gemeistert.

„Wir erleben, wie die gute Stimmung der Teilnehmer auch auf die Stimmung in der Stadt überschwappt. Selbst kritische Bürger erkennen, dass die vielen Vorwürfe in der angeheizten Diskussion im Vorfeld auf die jungen Christen zwischen 14 und 25 Jahren überhaupt nicht zutreffen und sie sich völlig anders verhalten, weil sie auch anders sind als das Bild, das gezeichnet wurde”,

sagt Pressesprecher Steve Volke.

In vielen christlichen Gruppierungen gibt es eine Akzeptanz von vorehelichem Geschlechtsverkehr, Toleranz Homosexueller und anderen Religionen. Deshalb prallten die Anschuldigungen an den meisten Teilnehmern des Christivals ab, weil sie sich durchaus einer anderen, einer moderneren Kirche bewusst sind. Trotzdem hätte eine offene Diskussion, vor allem mit den Referenten der Seminare, Christival-Gegnern und Besuchern gut getan. Man hätte beweisen können, dass nur ein sehr sehr geringer Teil der 16.000 Teilnehmer die gleiche Ansicht vertritt.

Aber auch das Bild der „typischen Christen” war auf dem Christival vertreten. Direkt am Hinterausgang des Hauptbahnhofes wurde man von Thomas empfangen. Ein Christ, wie unser Klischee ihn beschreibt. (siehe Foto).christival1

Mit Schildern und Zetteln machte er Besucher und Passanten auf die Botschaft der Gemeinde Jesu aufmerksam. Er ist ein fundamentalistischer Christ, er glaubt einerseits an Gott und die Bibel, aber er verabscheut gleichzeitig die „Kirche” und Homosexuelle. Er gehört zu einer Minderheit, dennoch zu denjenigen, die das öffentliche Bild am meisten negativ prägen. Auf dem Festival muss man allerdings den „typischen Christen” etwas suchen, Geduld war hier der Schlüssel zum Erfolg.

Fernab der Diskussionen war das Christival ein voller Erfolg. Jugendliche aus ganz Deutschland tauschten sich fünf Tage untereinander aus und feierten miteinander Gottesdienste. Das Motto der Veranstaltung, „Jesus Bewegt”, wurde auf zahllosen Veranstaltungen in der ganzen Stadt gelebt. Dennoch bleibt die Klischeekiste offen, wahrscheinlich weil es einfacher ist, sich mit Vorurteilen zu begnügen, aber auch weil es einzelne christliche Gruppierungen Kritikern sehr einfach machen.

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